Hexen vor Gericht

Kategorien: Wissenschaft, Geschichte

„Hexen vor Gericht“ von Kai Lehmann – die erschreckende Systematik hinter den Hexenverbrennungen


Über 33.000 Hexenprozesse allein auf dem Gebiet der heutigen Bundesrepublik, im 16. und 17. Jahrhundert. Mindestens 21.000 davon endeten mit dem Tod der Angeklagten. Und das ist nur die dokumentierte Spur, denn unzählige Prozessakten sind über die Jahrhunderte verloren gegangen. Wenn du bedenkst, wie viel kleiner die Bevölkerung damals war, bekommt diese Zahl ein Gewicht, das wir uns heute kaum noch vorstellen können. Kai Lehmann geht in „Hexen vor Gericht“ der Frage nach, wie so etwas möglich war – und legt eine Systematik frei, die dich nicht mehr loslässt.


Über 33.000 Hexenprozesse: eine Zahl, die fassungslos macht

Das eigentlich Verstörende an der Hexenverfolgung ist nicht der einzelne grausame Fall. Es ist das flächendeckende Geschehen über Generationen hinweg. Wie kann eine ganze Gesellschaft über so lange Zeit an Hexen und Zauberer glauben und Zehntausende Menschen dafür auf den Scheiterhaufen schicken?

Genau diese Frage macht das Buch zum Sog. Lehmann liefert keine Aneinanderreihung von Schauergeschichten, sondern die Logik dahinter. Und die ist erschütternd nachvollziehbar.


Kai Lehmann und die unterschätzte Rolle der Massenmedien

Über die Ursachen der Hexenverfolgung haben schon viele Autoren geschrieben. Lehmann bündelt die historischen und geistesgeschichtlichen Fäden auf hervorragende Weise und lässt die damalige Gedankenwelt vor deinen Augen wieder lebendig werden. Sein besonderer Blick gilt einem Aspekt, den ältere Darstellungen oft übersehen: der Rolle der gerade erst aufkommenden Massenmedien.

Der Buchdruck, die Flugblätter, die Holzschnitte und die einfachen Schwarz-Weiß-Bilder, die von Ort zu Ort wanderten – sie waren der Brandbeschleuniger. Je mehr über angebliche Hexentaten berichtet wurde, desto größer wurde die Angst, und desto weiter breiteten sich die Verfolgungen aus. Ein Kreislauf, der sich selbst befeuerte.


Die Systematik hinter den Hexenverbrennungen

Das Überraschende ist, wo der Antrieb herkam. Nicht von oben, nicht von den Regierungen oder Landesfürsten. Die eigentliche Antriebsfeder saß in der Bevölkerung selbst. Wer sich plötzliche Krankheit, verhagelte Ernten, sterbendes Vieh oder erfrorenes Getreide nicht erklären konnte, dem lag eine einfache Antwort nahe: Es müssen die bösen Kräfte von Hexen sein. Die Menschen forderten ihre Landesherren auf, sie zu schützen, und die sahen sich in der Pflicht. Angst und Obrigkeit ergänzten sich auf fatale Weise.

Wie daraus eine sich selbst verstärkende Maschinerie wurde, entfaltet Lehmann Schritt für Schritt. Ein paar Zahnräder seien verraten, weil sie fassungslos machen:

  • Die Folterlogik: Wer angeklagt war, hatte praktisch schon verloren. Gefoltert wurde so lange, bis ein Geständnis kam – und aus dem Geständnis mussten die nächsten Namen fallen. So beschuldigte A den B, B und C wieder D, E und F.
  • Das öffentliche Schauspiel: Zu den Verbrennungen kamen Tausende Schaulustige. Die Angst nahmen sie mit nach Hause und begannen dort selbst zu suchen.
  • Der ökonomische Kern: Die Verurteilten mussten für ihre eigene Hinrichtung aufkommen, vom Brennholz bis zu den Prozesskosten. Ihr Vermögen fiel an die Obrigkeit. Ein bitteres Geschäftsmodell.

Wie diese Elemente ineinandergreifen und warum das System, einmal in Gang gesetzt, kaum noch zu stoppen war, das ist der eigentliche Kern des Buches.


Warum vor allem Frauen auf dem Scheiterhaufen landeten

Rund 80 Prozent der Todesopfer waren Frauen. Lehmann lässt auch die unbequemen Hintergründe nicht aus. Die Anklage wurde zum Mittel, um eine ungeliebte Ehefrau oder einen lästigen Zeitgenossen loszuwerden, weil es Scheidung nicht gab. Wer jemanden aus dem Weg räumen wollte, hatte ein furchtbar wirksames Werkzeug in der Hand.

Auch die Rolle der Kirche zeichnet er vielschichtiger, als frühere Darstellungen glauben machten. Vollstreckt haben die weltlichen Richter. Doch die Predigt von der Kanzel hat die Angst mitgeschürt, oft gegen die eigentliche Absicht der Pfarrer, die eigentlich vor Hexerei warnen wollten.


Was die Hexenverfolgung mit unserer Gegenwart zu tun hat

Was den Text so brisant macht, ist die Parallele zur Gegenwart, die sich beim Lesen fast wie von selbst aufdrängt. Wenn ein bedrohliches Phänomen auftaucht, das keiner so recht erklären kann, entscheiden Menschen selten mit dem Kopf, sondern aus dem Bauch heraus. In der Corona-Zeit haben wir erlebt, wie schnell sich Angst verbreitet, wie weit die Meinungen auseinandergehen und wie sehr die Medien den Ausschlag geben, in welche Richtung die Stimmung kippt. Die Mittel haben sich geändert, das Muster ist geblieben.


Für wen sich „Hexen vor Gericht“ lohnt

Mich hat das Buch fasziniert und zugleich traurig gemacht. Über so viele Jahrhunderte tappten Menschen im Dunkeln, ohne naturwissenschaftliches Wissen, das ihnen ihre Nöte hätte erklären können, und suchten die Schuld bei völlig Unschuldigen.

„Hexen vor Gericht“ ist ein hervorragendes Kompendium, klar aufgebaut und leicht lesbar, um die Systematik, die Dynamik und die Lebensumstände jener Zeit zu begreifen. Wenn du verstehen willst, wie aus Angst ein tödliches System wird und was uns das über heute sagt, solltest du dieses Buch lesen. Ich empfehle es dir wärmstens.

(Renate Wettach)


Quelle: „Hexen vor Gericht – Krisen, Angst und Massenmedien vor 1800“ von Kai Lehmann, erschienen 2026 im Herder/wbg Verlag, 28,00 Euro (D), Hardcover, 432 Seiten.

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